Die Schiffsreise

Wenn die Auswanderer den ersten Teil ihrer Reise glücklich absolviert hatten und im Hafen auf ihrem Schiff angekommen waren, begann nun die Überfahrt:
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren die meisten Passagiere noch auf Segelschiffen unterwegs. Die Fahrtdauer war wegen möglicher Witterungsschwankungen kaum kalkulierbar; auf sechs bis acht Wochen mussten sich die Passagiere einstellen. Im Zwischendeck, einer zusätzlich eingebauten Ebene zwischen Oberdeck und Laderaum verbrachten die Auswanderer beschwerliche Wochen unter schwierigsten Bedingungen: Zu fünft in enge Stockbetten gepfercht, stand jedem Erwachsenen Raum in einer Breite von ca. 46cm und einer Länge von ca. 1,83m zu; Kindern noch weniger und Kleinkindern kein eigener Platz. Sitzgelegenheiten und Tische gab es nicht und viele Gepäckstücke stapelten sich zwischen den Bettstellen. Matratzen, Bettzeug, Eß- und Kochgeschirr mussten die Passagiere selbst mitbringen. Es gab nur wenige Toiletten auf dem Oberdeck und man wusch sich mit Seewasser aus Fässern. Viele Menschen wurden während der Überfahrt krank: durch schlechtes Trinkwasser, miserable hygienische Bedingungen und unzureichende Ernährung. vgl. Pfister in Gall, S.55

1820 trat das erste amerikanische Gesetz in Kraft, das diesen Verhältnissen Abhilfe schaffen sollte. Die Anzahl an Passagieren wurde jetzt auf zwei pro fünf Tonnen Gesamttonnage begrenzt; der Schiffseigner musste für eine Mindestproviantierung sorgen und die Kapitäne bei Ankunft den Zollbehörden eine Liste vorlegen, aus der Name, Alter, Geschlecht, Beruf und Herkunftsland der Passagiere hervorgingen.
Die Wirksamkeit dieser Vorschriften stellte sich später als gering heraus, da z.B. die Gesamttonnage eines Schiffes keine Auskunft über die Größe seines Zwischendecks gab und die Hafenbehörden die Proviantierungsregelungen nur bei abgehenden Schiffen kontrollieren konnten. Es trat dennoch eine allmähliche Verbesserung der Überfahrtsbedingungen ein, denn weitere gesetzliche Vorschriften auf beiden Seiten des Atlantiks folgten.
Mit dem Einsatz von Dampfschiffen ab Mitte des 19. Jahrhunderts verkürzte sich die Überfahrt auf etwa 15 Tage. Nach Einführung der Schnelldampfer Ende der 1880er Jahre dauerte die Reise nach Amerika gerade noch neun Tage. vgl. Just, S.10
Auch die Bedingungen, unter denen gereist wurde, änderten sich zum Ende des 19. Jahrhunderts: "Die Dampfschiffe waren eigens für den Passagierverkehr gebaut, es gab Waschräume, getrennte Schlafsäle für Männer und Frauen, kleinere Abteilungen für Familien und Gruppen, mehrere Küchen und Krankenzimmer. … Ein Schiffskoch für Zwischendeckreisende wurde fest angestellt, und seit den achtziger Jahren wurden im Zwischendeck auch Tische und Bänke aufgestellt." Bretting in Hoerder, S.111

Nachdem die Überfahrt kein lebensbedrohliches Abenteuer mehr war, bei dem Menschen wie Frachtstücke verstaut wurden, stieg auch die Zahl der Passagiere stetig an, die den Weg zurück über den Atlantik in die Alte Welt suchten. Damit änderte sich die Sichtweise der Menschen auf die Amerikaauswanderung, die früher für die meisten eine Reise ohne Wiederkehr gewesen war.
Die Ankunftshäfen
Hauptankunftshafen in den USA war zunächst Philadelphia, denn hier war der Redemptioner-Markt für die Ostküste - es folgten New York, Baltimore, Boston und New Orleans. Mit Eröffnung des Erie-Kanals 1825 stieg die Bedeutung New Yorks als Einwandererhafen, denn von hier wurde eine direkte Verbindung in den für Einwanderer immer attraktiver werdenden Westen angeboten. Auch New Orleans konnte sich (bis zum Bürgerkrieg) als wichtiger Einwandererhafen behaupten, denn auf dem Mississippi wurden preisgünstige Dampfschiffpassagen zur Weiterfahrt angeboten.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts übernahm New York endgültig die Führungsposition unter den Einwandererhäfen: 75% aller eingereisten Menschen kamen hier an Land und reisten weiter in Richtung Chicago oder St. Louis. Die Situation für die Einwanderer war ähnlich wie in den Abfahrtshäfen - auch hier versuchte man die ahnungslosen Ankömmlinge zu übervorteilen oder, schlimmer noch, zu betrügen. Es wurden ungültige Eisenbahntickets und manchem sogar wertloses Farmland verkauft. Ende der 1840er Jahre wurde zur Beseitigung dieser Zustände eine staatliche Stelle eingerichtet, die - finanziert über Beiträge der Schifffahrtsgesellschaften - den Einwanderern behilflich sein sollte. Wirksam wurde diese Maßnahme erst in den 1850er Jahren, als ein zentraler Landeplatz für Einwandererschiffe eingerichtet wurde. In Castle Garden wurden die Einwanderer von Beamten beraten, konnten Fahrkarten für ihre Weiterreise kaufen und waren vor dem Zugriff dubioser Geschäftemacher geschützt. vgl. Bretting in Hoerder, S.114ff
1892 wurde Castle Garden abgelöst von einer großen modernen Landestelle für Einwanderer auf einer Insel vor Manhattan: Ellis Island war bis zu seiner Schließung im Jahre 1954 für 12 Millionen Einwanderer das Eintrittstor in die USA.
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