Die Reise nach Amerika

In diesem Abschnitt sollen Organisation und Technik der Überfahrt und die damit verbundenen wirtschaftlichen und sozialen Probleme erläutert werden.
Reiseorganisation und Überfahrt
In den 1820er Jahren bestimmte der Warenhandel den Schiffsverkehr zwischen Deutschland und den USA. Tabak, Reis und Baumwolle gelangten auf zumeist amerikanischen Schiffen nach Deutschland. Als Rückfracht transportierten die Schiffe Glaswaren, Leinen, Spielzeug und andere Manufakturwaren, bis der Exportmarkt für diese Produkte durch die Konkurrenz aus Amerika und England zusammenbrach. Auswanderer mussten warten, bis Platz für Passagiere vorhanden war. Ein Linienverkehr zwischen den USA und deutschen Häfen war deshalb kaum möglich. Erst steigende Auswanderungszahlen haben in den 1830er Jahren zu einer Intensivierung des deutsch-amerikanischen Schiffsverkehrs geführt; nun allerdings mit Schiffen, die zu etwa 80% bremischer Herkunft waren. vgl. Just, S.11f
Makler
Mit der Zunahme der Zahl von Auswanderungswilligen entstand auch ein Bedarf an organisierter Annahme- und Vermittlungstätigkeiten. Makler kümmerten sich darum, dass die Vermittlung von Passagieren rechtzeitig zur Abfahrt bestimmter Schiffe vollzogen war. vgl. Just, S.15
Auswanderungsagenten vermittelten Auswanderer an Kapitäne und Schiffseigner und warben für Landbesitzer Siedler an. Die Agenten waren in ihrer Funktion nicht unumstritten: viele von ihnen waren mit behördlicher Genehmigung tätig und arbeiteten verantwortungsbewusst - andere wiederum nutzten die Gutgläubigkeit der potentiellen Auswanderer schamlos aus, indem sie die Verhältnisse in Amerika beschönigten oder Lügen verbreiteten, um sich zu bereichern.
Gegen Ende der 1830er Jahre hatte sich ein Drei-Stufen-Modell im Auswanderungsgeschäft herausgebildet: Transporteure (Makler) in den Hafenstädten, für sie tätige Hauptagenten in den größeren Städten im Landesinneren und Unteragenten in den Dörfern. vgl. Bretting in Hoerder, S.93
Etwa zwei Jahrzehnte später gab es gesetzliche Vorschriften für Auswanderungsagenten, die den Erwerb einer Lizenz und die Hinterlegung einer Bürgschaft vorschrieben.
Reise zum Schiff
Wer sich entschlossen hatte auszuwandern musste zunächst die Anreise zum Einschiffungshafen organisieren. Als Transportmittel standen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Flussschiffe und Frachtfuhrwerke zur Verfügung - viele Auswanderer legten auch weitere Strecken zu Fuß zurück. Eine einfache Art zu den Hafenstädten zu reisen war die Benutzung von Frachtkähnen, die die Flüsse befuhren. Die bedeutendste Route für die Auswanderung aus Süd- und Südwestdeutschland war dabei der Rhein, der viele Menschen zu den Häfen von Antwerpen, Rotterdam und Amsterdam führte. vgl. Bretting in Hoerder, S.79
Die Abfahrtshäfen
Liverpool war einer der wichtigsten Häfen für europäische Amerikaauswanderer, denn die Stadt hatte bereits in Zeiten der Gültigkeit des sog. Navigation Acts gute Handelsbeziehungen in die USA etabliert. Erst nach Einführung der Eisenbahn in den 1830er Jahren und dem Ausbau des Schienennetzes bis in die 1850er Jahre, wurde das Reisen erschwinglich und der Zeitaufwand kalkulierbar. Anreisezeit konnte jetzt statt in Tagen in Stunden ausgedrückt werden. Die Flusskähne wurden durch Dampfschiffe ersetzt.
Drei weitere Städte entwickelten sich zu bedeutenden Einschiffungshäfen für Auswanderer: Le Havre hatte das ganze Jahr über Tiefwasser und es wurden schon früh wöchentlich mehrere Überfahrten in die USA angeboten.
Die Stadt Bremen unterstützte das aufkommende Auswanderungsgeschäft durch den Bau des Seehafens an der Wesermündung (1827) und den Erlass von Schutzbestimmungen für Auswanderer. Hamburg war als alte Handelsstadt bekannt und verfügte durch die Elbe und ihre Nebenarme über ein weit erschlossenes Hinterland. vgl. Bretting in Hoerder, S.80f
Durch den Ausbau des Verkehrnetzes verstärkte sich für die Hafenstädte die Konkurrenzsituation. Der Erlass und die Umsetzung von Schutzvorschriften für die Auswanderer konnten für die Städte Bremen und Hamburg zum Wettbewerbsvorteil werden. Trotzdem wanderte stets ein beträchtlicher Anteil von Menschen über ausländische Häfen aus - in der Zeit von 1880 - 1910 noch etwa 20% aller deutschen Auswanderer. vgl. Bade (2002), S.141

Englische Schiffe hatten lange Zeit einen schlechten Ruf: Krankheiten, schlechte Versorgung mit Nahrungsmitteln und ruppige Mannschaften schreckten viele Auswanderer ab. Dass sich englische Schiffe dennoch gegenüber ihren Konkurrenten (auch auf dem europäischen Festland) behaupten konnten, war auf die niedrigen Preise für die Überfahrt zurückzuführen, die möglich waren, weil man durch die Monopolstellung als Transporteur für irische und englische Passagiere mit einer konstanten Auslastung des Frachtraums kalkulieren konnte. Viele deutsche Auswanderer fuhren wegen der günstigen Passagepreise zunächst im Transit von Hamburg nach Großbritannien, um von dort in die USA zu weiterzureisen.
Schutzvorschriften
1832 erließ Bremen die ersten Schutzvorschriften für Auswanderer, die die Überfahrt für die Passagiere sicherer machen sollten: die minimale Größe für den Raum im Zwischendeck wurde festgelegt und eine Mindestproviantierung vorgeschrieben. Gerade die unzureichende und schlechte Versorgung mit Nahrungsmitteln hatte immer wieder zu Hungersnöten und Krankheiten an Bord geführt. Nach dem Bremer Gesetz waren nun die Kapitäne und Schiffseigner für den Proviant verantwortlich, der für eine 90tägige Reise reichen musste (eine Überfahrt dauerte in der Regel 40 - 50 Tage).
1842 übernahm man in Hamburg die Bremer Schutzvorschriften von 1832 - drei Jahre später wurden die Transporteure verpflichtet, zum Schutz der Auswanderer eine Sicherheitssumme zu hinterlegen und die Passagiere zu versichern.
Kehrseite des florierenden Auswanderungsgeschäfts war, dass sich immer mehr Auswanderer mit Praktiken wie Betrug, Übervorteilung und Ausbeutung konfrontiert sahen. Deshalb wurde ab 1851 das sog. Nachweisungsbüro für Auswanderer eingerichtet, das den Auswanderern kostenlos die Preise für Lebensmittel, Reisebedarf und Unterkünfte nannte und Adressen günstiger Lebensmittelhändler und zuverlässiger Unterkünfte vermittelte.
1854 wurden in beiden Städten Behörden eingerichtet, die die Oberaufsicht über sämtliche Auswanderungsangelegenheiten übernahmen. Weitere gesetzliche Vorschriften wie z.B.: ärztliche Untersuchungen der Passagiere vor der Abreise, Nachweis einer ausreichenden Anzahl an Rettungsbooten oder die räumliche Trennung von kranken und gesunden Personen an Bord trugen zum guten Ruf der Städte Bremen und Hamburg als Auswanderungshäfen bei.

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