Aspekte der Migrationstheorie

Wanderungsbewegungen von Menschen sind in allen Zeiten beobachtet worden. Sie sind fester Bestandteil der Kulturgeschichte der Menschheit.
Wandern heißt ins Lateinische übersetzt migrare - die Sozialwissenschaften sprechen von Migration, wenn sie aus- und einwandern meinen. Im Fremdwörterbuch liest man als knappe Erläuterung des Wortes Migration:

"Wanderung, Bewegung von Gruppen im geographischen oder sozialen Raum, die mit einem Wechsel des Wohnsitzes verbunden ist." DUDEN Fremdwörterbuch, S.517

In den 1920er Jahren hat der amerikanische Soziologe Robert E. Park die These vertreten, dass die Fortschritte in der Geschichte und die Prozesse der Zivilisation nur durch kontinuierliche Wanderungsbewegungen von Menschen und die dadurch eintretenden Vermischungen von Völkern und Kulturen möglich geworden sind. Er bezeichnete die Migrationsbewegungen, die einschneidende Veränderungen und Fortschritte in Kultur und Zivilisation brachten, als historische Bewegungen (the historical movement).

Zivilisation ist das Ergebnis von Kontakt und Kommunikation der Menschen, die im Zuge solcher historischen Migrationsbewegungen gezwungen waren, zu konfrontieren und zu kooperieren.

Für Park ist die Untersuchung der Migrationsprozesse identisch mit der Verfolgung von Spuren der Kultur und Zivilisation. vgl. Han, S.18
Mit den Veränderungen der Lebensbedingungen haben sich auch die Formen der Migration verändert. Die vielfältigen Ursachen für Migration können selten monokausal erklärt werden, denn sie stehen häufig in wechselseitigem Zusammenhang.

Migration ist dabei stets als ein langer Prozess zu sehen, bei dem der Wohnortwechsel ein sichtbares Zeichen - jedoch nicht den Endpunkt darstellt - denn der schwierige Teil der "inneren psychosozialen Migration" beginnt erst nach der "äußeren physischen Migration". Han, S.8


In der Migrationstheorie werden verschiedene Migrationstypologien verwendet, um den komplexen Vorgang, der im Spannungsfeld von objektiven Bedingungen und subjektiven Faktoren stattfindet, darstellen zu können.
Nach William Petersen lassen sich Migrationsziele zunächst grundlegend in entweder innovative oder konservierende unterschieden. Daraus können fünf Migrationstypen abgeleitet werden: Marschalck kritisiert die Theorie Petersens; sie lasse es an Exaktheit bei der Beschreibung moderner Bevölkerungsbewegungen mangeln, denn bei der Betrachtung der Auswanderung in die USA im 19. Jahrhundert habe man es mit kleinen Zeitabschnitten zu tun, "die zudem noch die Perioden großer gesellschaftlicher Umwandlungen gewesen sind." Marschalck, S.97f

Die Migrationstheorie von Shmuel N. Eisenstadt unterstreicht die Prozesshaftigkeit des Migrationsvorgangs:

Migration ist die physische Transplantation einzelner bzw. Gruppen von Menschen aus einer angestammten und vertrauten zu einer anderen fremden soziokulturellen Umwelt. zitiert in Han, S.46f


Die Wanderungstheorie von H.J. Hoffmann-Nowotny basiert auf Luhmanns Systemtheorie:
Die ungleiche Verteilung von Macht und Ansehen ruft innerhalb eines Systems strukturelle Spannungen hervor, die unter Umständen durch die Migration der betroffenen Menschen oder Gruppen in ein System mit geringeren Spannungen kompensiert werden können.
In einer Gesellschaft als systemisch organisiertem Kontrollmechanismus werden aus der (unendlichen) Menge an Handlungsalternativen eine bestimmte kleine Anzahl als gewünscht bzw. geboten selektiert, während andere ausgeschlossen bleiben. Zusammen mit der internen und externen Verteilung der Spannungen erklären die verschiedenen Kontrollen (auch in den potentiellen Einwanderungsgesellschaften) dann im einzelnen, welche Kategorien von Personen überhaupt als potentielle oder faktische Wanderer in Erscheinung treten. Ob ein Mensch bestimmte Umstände als positiv oder negativ einschätzt, hängt von dem durch soziale und psychologische Einflussfaktoren entstandenen Wahrnehmungsschema ab. Ein Wanderungsentschluss wird dann gefasst, wenn im Bewusstsein der Beteiligten ein erheblicher Niveauunterschied besteht. vgl. Pfister, S.104f

Migration ist ein komplexer Prozess, der sowohl bei seiner Entstehung als auch im Ablauf auf verschiedenen Ursachen beruht bzw. unterschiedlichen Einflussfaktoren ausgesetzt ist.

Diese Mischung aus "objektiv zwingenden exogenen Faktoren" und "subjektiv unterschiedlich begründeten Entscheidungen" bildet die Grundlage des sog. Push- und Pull-Faktoren-Modells:

Push-Faktoren sind die im Herkunftsland vorherrschenden Bedingungen, die zur Migration ‚zwingen': z.B. Wirtschaftskrisen, politische und religiöse Verfolgung, Kriege, Naturkatastrophen usw.
Pull-Faktoren stellen Anreize für die Migranten dar, die vom Aufnahmeland ausgehen, wie z.B.: politische Stabilität, demokratische Sozialstruktur, Glaubensfreiheit, wirtschaftliche Prosperität usw.
Es ergeben sich unterschiedliche Auswahleffekte, je nachdem, ob die Migranten durch eine negative Bewertung ihrer Lage im Herkunftsland (push) oder durch eine positive Bewertung der erwarteten Situation im Zielland (pull) bewogen werden.
Das Push- und Pull-Faktoren-Modell kann ein geeigneter Erklärungsansatz für Auswanderungsbewegungen sein - bei der Betrachtung individueller Migrationsprozesse dagegen muss berücksichtigt werden, dass Menschen nicht nur nach rationalen Erwägungen handeln, sondern dass auch eine große Zahl persönlicher Motive in die Entscheidung zur Auswanderung einfließen kann.

Han beschreibt in seiner Soziologie der Migration fünf Phasen des Entscheidungsprozesses für Migration:
Startseite Zur Datenbank Datenbank