Die politische Entwicklung in Deutschland
Einfluss der Aufklärung
Die Staatslehre der Aufklärung teilte die absolutistischen Auffassungen eines Gottesgnadentums nicht mehr. Ausgehend vom rationalen naturrechtlichen Denken setzte sich die Überzeugung durch, dass menschliche Vernunft und natürliche Gesetze den Aufbau und die Politik eines Staates bestimmen müssten. Damit wurden die Grundlagen des Absolutismus in Frage gestellt und die Revolutionen des späten 18. und des 19. Jahrhundert vorbereitet. vgl. Görtemaker, S.19f
Die Auswirkungen der amerikanischen und französischen Revolutionen waren in ganz Europa zu spüren, wobei die Geschehnisse in Frankreich Beispiel für die Beseitigung einer absolutistischen Monarchie waren, wie sie noch in vielen europäischen Ländern zu finden war.
Auswirkungen kriegerischer Auseinandersetzungen
Die territorialen und politischen Verhältnisse in Deutschland änderten sich nach den militärischen Zusammenstößen zwischen Frankreich und den aufgeklärt-absolutistischen Großmächten Preußen und Österreich und den übrigen Ländern des Reiches.
Nachdem die Gebiete des linken Rheinufers an Frankreich fielen, wurde die alte Zerstückelung des deutschen Reichsgebiets durch den Reichsdeputationshauptschluss weitgehend beseitigt. Die gestärkten Mittelstaaten bildeten unter Napoleons Protektorat ab 1806 den Rheinbund und traten aus dem Reichsverband aus. Damit war das Heilige Römische Reich Deutscher Nation beendet.
Die Kriege der europäischen Koalitionen gegen Napoleon führten 1806/07 zum Zusammenbruch Preußens, das im Frieden von Tilsit 1807 ebenso wie Österreich im Frieden von Schönbrunn 1809 zu einer von Napoleon abhängigen Macht zweiten Ranges herabsank. vgl. Müller, S.127
In den Gebieten des Rheinbundes aber auch in Preußen kam es während der napoleonischen Zeit zu Reformen: Die Vorrechte des Adels wurden beschränkt oder aufgehoben, die Bauernbefreiung begann; die obersten Staatsbehörden wurden neu organisiert und die Verwaltung effektiver gestaltet. Durch die Einführung der Steuergleichheit wurde die Staatsfinanzierung auf eine andere Grundlage gestellt - außerdem strebte man eine allgemeine Volksbewaffnung durch die Einführung der Wehrpflicht an.
1813 wurde Napoleon in den Befreiungskriegen von einer Koalition der Großmächte des Kontinents mit Großbritannien geschlagen und dankte 1814 ab.
Die territoriale Neuordnung Europas wurde auf dem Wiener Kongress 1814/15 mit Gründung des Deutschen Bundes geregelt: Das vorrevolutionäre Gleichgewicht der europäischen Mächte sollte wiedererlangt werden - vor allem durch die Wiederherstellung der beiden deutschen Großmächte Österreich und Preußen. Die deutschen Mittelstaaten behielten ihre Souveränität. In Preußen verloren nach 1815 die Reformer ihren Einfluss. Fast alle Ansätze zu einer verantwortlichen Beteiligung der Bürger am Staat wurden rückgängig gemacht. Nur einige kleinere deutsche Staaten sowie Bayern, Württemberg und Baden erhielten Verfassungen. vgl. Goerlitz, S.78
Bündnisse
Der Deutsche Bund erwies sich als ein loser Staatenbund, in dem der Dualismus der beiden Großmächte Preußen und Österreich bestimmend war. Der Bundestag in Frankfurt am Main, ein ständiger Gesandtenkongress, stand unter dem Vorsitz Österreichs.
1830 kam es in Paris zur sog. Juli-Revolution, in deren Folge König Karl X. abdanken und nach England fliehen musste.
Auswirkungen der Ereignisse waren auch in anderen europäischen Staaten sichtbar - in Deutschland kam es zu Unruhen, denn das politische Interesse der Bevölkerung wuchs.
Die Länder Sachsen, Hannover, Braunschweig und Hessen-Kassel erhielten Verfassungen. Neben der konservativen Geisteshaltung der Restauration entstand der Liberalismus, der für Verfassung, rechtsstaatliche Garantien, Pressefreiheit, Geschworenengerichte und schließlich auch für einen engeren nationalen Zusammenschluss der deutschen Einzelstaaten eintrat. Der ökonomische Liberalismus stand für die Förderung von Industrie und Gewerbe, Freihandel, Gewerbefreiheit und Zollunion.
Seit 1818 gab es innerhalb des Deutschen Bundes Bestrebungen, durch Aufhebung der Binnenzölle den Handelsverkehr zu erleichtern. 1834 traten die Verträge des Deutschen Zollvereins in Kraft, dem die norddeutsche und süddeutsche Zollbereichsgruppe sowie der Mitteldeutsche Handelsverein beitraten. Der von Hannover geführte Steuerverein kam erst 1854 hinzu. Der Zollverein wurde als erster Schritt zu einem geeinten Deutschland - unter Ausschluss Österreichs - betrachtet. Die Liberalisierung des Außenhandels führte zu einer enormen Steigerung des europäischen und internationalen Warenhandels sowie zur Schaffung eines internationalen Kapitalmarktes.
Die Revolution von 1848
Im Anschluss an die Revolution in Frankreich, die zur Ausrufung der Republik geführt hatte, wurde im Frühjahr 1848 auch in Deutschland zu Volksversammlungen und Demonstrationen aufgerufen, bei denen Forderungen nach Presse- und Versammlungsfreiheit, nach Volksmiliz und der Einberufung eines bundesweiten Parlamentes erhoben wurden. Einige, vor allem kleinere Staaten, zeigten Entgegenkommen und beriefen Vertreter der liberalen Bewegung in ihre Kabinette.
Am 18. März 1848 kam es nach einer Großkundgebung vor dem Berliner Schloss zu Barrikadenkämpfen zwischen Volk und Militär, in deren Folge 254 Tote und viele Verletzte zu beklagen waren. König Friedrich Wilhelm IV. versprach die Forderungen zu erfüllen und bewilligte eine verfassunggebende Nationalversammlung in Preußen.
In Frankfurt am Main kam das sogenannte Vorparlament zusammen, um die Wahl der verfassunggebenden Nationalversammlung vorzubereiten. Am 18. Mai 1848 trat nach allgemeinen und gleichen Wahlen das erste gesamtdeutsche Parlament in der Frankfurter Paulskirche zusammen und wählte Heinrich von Gagern zum Präsidenten der Nationalversammlung.
Verfassungsbestrebungen
Die Beratungen über die Verfassung wurden im Frühjahr 1849 abgeschlossen, mit einem Abschnitt über die Grundrechte des deutsches Volkes als Grundlage. Man hatte sich für eine kleindeutsche Reichslösung ohne Österreich und die Wahl des preußischen Königs zum Kaiser im neuen Reich entschieden. Dieser gab den Abgeordneten der Nationalversammlung am 3.April 1849 eine Absage, denn er lehnte die von ihm verachtete Krone ab. Damit war das Werk der deutschen Nationalversammlung gescheitert.
Im Sommer 1849 wurde der Rest der deutschen Nationalversammlung, der in Stuttgart tagte - das sogenannte Rumpfparlament - nach einem Ausweisungsbeschluss der württembergischen Regierung durch das Militär vertrieben. Auch in Preußen und Österreich hatten die alten Mächte die revolutionäre Bewegung mit Waffengewalt unterdrückt. Der König von Preußen revidierte die preußische Verfassung von 1848: das allgemeine, geheime und gleiche Wahlrecht wurde durch ein Dreiklassenwahlrecht ersetzt.
Überall in Deutschland und Europa hatten reaktionäre Kräfte die Revolution überwunden. Adel und Militär blieben die Stützen der Regierung in Russland, Preußen und Österreich.
Die deutsche Nationalbewegung hatte mit der Erneuerung des Deutschen Bundes unter der Führung Österreichs eine schwere Schlappe erlitten; die liberale und demokratische Bewegung war mit Beseitigung der Frankfurter Reichsverfassung und der Verfolgung aller, die revolutionärer Umtriebe verdächtig waren, mundtot gemacht. vgl. Müller, S.162
Bismarck
Im Verlauf des Verfassungskonfliktes zwischen Krone und liberaler Mehrheit des Abgeordnetenhauses über die Heeresreform wurde Otto von Bismarck 1862 vom König zum preußischen Ministerpräsidenten ernannt. Als es zu Spannungen um Schleswig-Holstein kam, forderte die deutsche nationale Bewegung die Loslösung der Herzogtümer von Dänemark. 1864 besiegten Österreich und Preußen Dänemark und verwalteten die beiden Herzogtümer gemeinsam, was zu Streitigkeiten führte, die 1866 in einem Krieg endeten, den Preußen gewann. Schleswig-Holstein, Hannover, Kurhessen, Nassau und Frankfurt (bis zur Mainlinie) wurden annektiert und bildeten mit den übrigen souveränen norddeutschen Staaten unter der Oberherrschaft von Preußen den Norddeutschen Bund. Er war ein Bundesstaat aus den 22 noch selbständigen Klein- und Mittelstaaten sowie den freien Städten Hamburg, Bremen und Lübeck und hatte ca. 30 Millionen Einwohner.
Österreich wurde 1867 umgebildet: es entstand die sog. Doppelmonarchie, in der der Kaiser von Österreich zugleich König von Ungarn wurde.
Der Zollverein
Die Zusammenarbeit zwischen den süddeutschen Staaten und dem Norddeutschen Bund sollte 1867 durch die Neuordnung des Zollvereins intensiviert werden. Erst der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71, der zu einer militärischen Niederlage Frankreichs und zum Sturz Napoleons III führte, schaffte ein verbindendes Nationalgefühl. Die Verfassung des Norddeutschen Bundes wurde mit einigen Änderungen zur Verfassung des Deutschen Reiches. Am 18. Januar 1871 wurde der preußische König in Versailles von den deutschen Fürsten zum Deutschen Kaiser proklamiert. Bismarck rückte ganz in das Zentrum der preußischen wie der deutschen Politik - er gilt als der eigentliche Gründer des Deutschen Reiches, dessen Verfassung mit der starken Stellung des Reichskanzlers ganz auf ihn zugeschnitten war. vgl. Müller, S.163
Wirtschaftswachstum
Die ersten Jahre nach der Reichsgründung waren gekennzeichnet durch ein beachtliches Wirtschaftswachstum, das vor allem durch die Zahlung der Kriegsentschädigung aus Frankreich in Höhe von fünf Milliarden Francs entstand. Positiv wirkten sich ferner der Abbau der Zollbeschränkungen sowie die Vereinheitlichung von Währung und Maßen im neuen Reichsgebiet aus. Wachstum wurde zu einem zentralen Begriff - nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht, wo man bisher noch nicht erreichte Steigerungsraten verzeichnen konnte, sondern auch in sozialer Hinsicht durch eine Veränderung des ursprünglich geistig und moralisch begründeten Fortschrittsgedankens hin zu materiell geprägtem Lebensgefühl und Zukunftserwartungen. vgl. Gall, S.9
1873 führte eine allgemeine Weltwirtschaftskrise zu einem Kurssturz an der Börse, zum Zusammenbruch von Banken und zu Firmenpleiten. Eine mehrere Jahre andauernde Depression hatte die Hochkonjunktur der sog. Gründerjahre abgelöst.
Bismarcks Innenpolitik
Bismarcks innenpolitische Haltung erlaubte den Bürgern keine eigenverantwortliche Mitarbeit, denn das Ansehen von Parteien und Parlamentariern sollte möglichst gering bleiben. Im sogenannten Kulturkampf versuchte er vergebens, den Einfluss des politischen Katholizismus zu vermindern.
Nach der Wirtschaftskrise 1873 wuchs das Interesse an den sozialdemokratischen Vereinigungen. 1875 wurde aus der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei und dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) gegründet. Die Wahlerfolge der Sozialdemokraten bei den Wahlen 1874 und 1877 beunruhigten das bürgerliche Lager und die Reichsregierung.
In Reaktion auf die Attentate auf Kaiser Wilhelm I., die von der Regierung mit den angeblichen sozialdemokratischen Umsturzplänen in Verbindung gebracht wurden, erließ der Reichstag 1878 die sog. Sozialistengesetze. Mit ihnen sollten sowohl die Parteiorganisation als auch die Gewerkschaften zerschlagen werden. Die Vorschriften galten bis 1890, hatten jedoch trotz Verboten, Verhaftungen, Verurteilungen und Ausweisungen nicht den gewünschten Erfolg, denn die Arbeiterschaft zeigte sich solidarisch.
Die Mitgliederzahl der Partei stieg von 437 000 im Jahre 1878 auf 1 427 000 im Jahre 1890. vgl. Müller, S.190
Bismarck versuchte in den 1880er Jahren die Arbeiter durch "eine weitblickende und vorbildliche Sozialpolitik, einem positiven Gegenstück zu seinem Kampf gegen die Sozialdemokratie, für den Staat zu gewinnen". Görtemaker, S.293
1881 wurde im Reichstag ein sozialpolitisches Programm angekündigt und in den folgenden Jahren verabschiedet und in Kraft gesetzt: 1883 das Gesetz über die Krankenversicherung der Arbeiter, 1884 das Unfallversicherungsgesetz und 1889 schließlich das Gesetz über die Invaliditäts- und Altersversicherung. Sein Ziel, die Sozialdemokratie und ihre Organisationen zu schwächen, erreichte Bismarck nicht - dennoch war das Deutsche Reich mit dieser Sozialgesetzgebung lange Zeit Vorbild für andere Staaten.
Wilhelm II.
Nach dem Tod Kaiser Wilhelms I. und seines Sohnes, Kaiser Friedrich III., wurde im Jahre 1888 Wilhelm II. neuer Kaiser im Deutschen Reich. Schon bald kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Bismarck und dem jungen Kaiser über Fragen der Außen- und Sozialpolitik, die 1890 zu Bismarcks Entlassung führten.
Ab 1890 beteiligte sich Deutschland am imperialistischen Weltmachtsstreben und erwarb Kolonien zur Verbesserung der Rohstofflage und zur Schaffung neuer Absatzmärkte. Der deutsche Kolonialbesitz war aber im Vergleich zu Frankreich und England eher gering und brachte weder in wirtschaftlicher noch in politischer Hinsicht Erfolg.
Seit der Gründung des Deutschen Reichs machte die Industrialisierung große Fortschritte: Zwischen 1870 und 1910 entwickelte sich Deutschland in den Bereichen Eisen und Stahl, die als Gradmesser der Industrialisierung gelten, zum produktionsstärksten Land Europas. Ein weiterer Beleg für die Prosperität der deutschen Wirtschaft war die Zunahme des Außenhandels: Zwischen 1893 und 1906 stiegen die Im- und Exporte um mehr als das Doppelte: die Einfuhren von 4 auf 9 Milliarden und die Ausfuhren von 3 auf 7 Milliarden Reichsmark. vgl. Görtemaker, S.359f
In gesellschaftlicher Hinsicht wurde der Großbürger in Form des Industriellen, Bankiers oder Kaufmanns zum Leitbild. Adel und alter Mittelstand - Bauern und kleine Selbständige in Handwerk und Handel - fühlten sich durch die Kräfte des Kapitals und der Arbeiterschaft zurückgedrängt. Mit der Bürokratisierung auf Staats- und Kommunenebene sowie in der Industrie wuchs der neue Mittelstand aus Angestellten heran: gedanklich am Bürgertum orientiert, unterschied sich die Schicht der Angestellten von der Arbeiterschaft durch die Möglichkeit zum sozialen Aufstieg. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert gehörte die Hälfte der Erwerbstätigen dem Arbeiterstand an. vgl. Goerlitz, S.101