Politische und soziale Hintergründe des 19. Jahrhunderts in Deutschland
Welche strukturellen Bedingungen haben im 19. Jahrhundert zur Massenauswanderung von Deutschland in die USA beigetragen?
Das 19. Jahrhundert war geprägt durch die industrielle Revolution und politische Umwälzungen. Die Industrialisierung vollzog sich in Deutschland nicht nur wegen des Technologie-Rückstands, sondern auch wegen der politischen Wirren im Gefolge der Französischen Revolution und der napoleonischen Kriege bedeutend langsamer als in England. Sie war von verschiedenen Voraussetzungen abhängig, keineswegs nur von technischen Erfindungen und deren systematischer Anwendung. In Deutschland gehörten dazu die schnelle Zunahme der Bevölkerung und die Entwicklung der Landwirtschaft, die Arbeitskräfte für die Industrie freisetzten. Antriebskraft der industriellen Revolution war - neben den mechanisierten Großbetrieben der Textilindustrie und dem Eisenbahnbau - die "sich ständig erweiternde Palette oft stürmisch expandierender mittlerer und kleiner Unternehmen vielfach noch handwerklichen Zuschnitts. Sie waren es, die in erster Linie jene außerordentlichen und dann über Jahre zur Regel werdenden Zuwachsraten des Sozialprodukts im Bereich der gewerblichen Wirtschaft bewirkten, an denen sich der Übergang von der traditionellen zur modernen Wirtschaft messen lässt". Gall, S.6.
Zur Finanzierung industrieller Vorhaben, die die Möglichkeiten einzelner Unternehmer überstiegen, entstanden Kapitalgesellschaften und Großbanken.
Die Landwirtschaft
Die Auflösung der feudalen Agrarverhältnisse setzte in Deutschland erst im 19. Jahrhundert mit der Bauernbefreiung ein: Eingeleitet durch staatliche Reformen konnten Bauern im süd- und südwestdeutschen Raum ihre Grundlasten durch Zahlung einer bestimmten Geldsumme an die Grundherren ablösen. Viele Kleinbauern in Süd- und Westdeutschland konnten durch die Ablösegesetze, das Prinzip der Realteilung und der Agrarkrise der 1820er Jahre der Schuldenlast nicht standhalten und mussten ihre Höfe aufgeben. So entstand eine Schicht besitzloser Landarbeiter. Auch in Preußen war die wirtschaftliche Situation der Bauern nach ihrer ‚Befreiung' nicht wesentlich besser: sie erhielten ihre Bauernstellen zwar als freies Eigentum, mussten dafür aber einen Teil des Landbesitzes als Entschädigung an ihren Gutsherren abtreten. vgl. Görtemaker, S.156ff.
Die Arbeitsmethoden in der Landwirtschaft änderten sich ebenfalls: naturwissenschaftliche Erkenntnisse reformierten Tierzucht und Feldanbau - die mittelalterliche Dreifelderwirtschaft wurde von der Fruchtwechselwirtschaft abgelöst und durch künstlichen Dünger konnten die landwirtschaftlichen Erträge gesteigert werden.
Das Bevölkerungswachstum
Fortschritte in der Medizin und der Verbesserung der Hygiene sowie die erhöhte Produktivität der Landwirtschaft waren Ursachen für das starke Bevölkerungswachstum im 19. Jahrhundert.
Die Kindersterblichkeit nahm ab und die allgemeine Lebenserwartung der Menschen stieg. Die Zahl der Großstädte nahm ständig zu - sowohl durch Landflucht als auch durch rapide Bevölkerungsvermehrung. Es setzte eine Binnenwanderung innerhalb Deutschlands aus dem agrarischen Osten in den industriellen Westen (vornehmlich in das expandierende Ruhrgebiet) ein.
Auf dem Gebiet des späteren Deutschen Reiches, auf dem 1816 erst 24,8 Millionen Menschen zu Hause waren, lebten 1852 bereits 35,9 Millionen und bei der Reichsgründung 1871 sogar 40,9 Millionen. Um 1900 hatte sich die Zahl der Menschen hier mit 56,0 Millionen gegenüber 1825 mehr als verdoppelt und 1915 mit 67,9 Millionen sogar beinahe verdreifacht! Görtemaker, S.158f.
Das Verkehrswesen
Neben dem technischen Fortschritt, den Verbesserungen in der Landwirtschaft sowie dem Bevölkerungszuwachs - war die Schaffung eines funktionierenden Verkehrswesens der maßgebliche Faktor für die Industrialisierung. Mit der Einführung von Dampfschiffen und vor allem dem Ausbau des Schienennetzes der Eisenbahn entstanden Verkehrsverbindungen, die einen raschen und sicheren Transport ermöglichten. Der Eisenbahnbau führte mit dem schnellen Ausbau der Bahnverbindungen zu einem stürmischen Anstieg der Eisen- und Stahlindustrie, entsprechend entwickelte sich der Bergbau.
Die Wissenschaft
Die Wissenschaft des 19. Jahrhunderts wandte die naturwissenschaftlichen Methoden auf allen Gebieten an. Es entstand eine enge Verflechtung von Naturwissenschaft und Technik. Eine Vielzahl von Erfindungen und Entdeckungen bewirkte eine weitgehende Umgestaltung des menschlichen Lebens und festigte damit die führende Rolle der Naturwissenschaften. Es siegte der Gedanke, dass schließlich hinter allen Erscheinungen ein in einem Ordnungssystem erfassbarer gesetzmäßiger Zusammenhang besteht. vgl. Gall, S.26.