Herkunft der Auswanderer
Bis in die 1830er Jahre stammen die meisten deutschen Auswanderer noch aus dem Pfälzer Raum. Dann beginnt eine allmähliche Verschiebung der Hauptauswanderungszentren Richtung Norden und schließlich auch nach Osten. Westfalen und die Rheinprovinz gelten ab Mitte der 1840er Jahre als bedeutende Herkunftsgebiete deutscher Auswanderer. Zur Jahrhundertmitte kommen noch das ostelbische Preußen sowie Mecklenburg hinzu.
Helbich fasst die Verteilung der Herkunftsgebiete deutscher Auswanderer zwischen Reichsgründung und dem Ersten Weltkrieg zusammen wie folgt: Nordostdeutschland (Ost- und Westpreußen, Pommern, Mecklenburg, Brandenburg, Posen) ca. 35%, Südwestdeutschland (einschl. Hessen, Elsaß-Lothringen) 25%, Nordwestdeutschland (Schleswig-Holstein, Hannover, Oldenburg) 14%, Westdeutschland 11%; Mitteldeutschland, Südostdeutschland und die Hansestädte teilen sich den Rest. vgl. Helbich(1988), S.21
Wirtschaftliche und politische Auswanderungsmotive
Wie im vorhergehenden Kapitel dargestellt, wurde die soziale und ökonomische Situation des 19. Jahrhunderts in Deutschland durch den Bevölkerungsanstieg und den Beginn der Industrialisierung bestimmt: der wachsenden Bevölkerung stand kein angemessenes Mehrangebot an Erwerbsmöglichkeiten gegenüber und die Preise für lebenswichtige Waren stiegen durch die stärkere Nachfrage an. "Bei nur geringfügigen Lohnerhöhungen zwischen 1820 und 1850 verdoppelten sich in der gleichen Zeit die Preise für Roggen, Kartoffeln und Kleidung. So entstand eine Massenarmut, die Deutschland bisher nicht gekannt hatte." Hansen in Moltmann, S.12
Zahlreiche Missernten verschärften in den dicht besiedelten agrarischen Gebieten Badens, Württembergs und Hessens die Situation und förderten das Ansteigen der Auswandererzahlen dieser Regionen.
In Mittel- und Nordwestdeutschland waren viele Familien dringend auf die Einkünfte aus der gewerblichen Heimbeschäftigung mit Weberei und Spinnerei angewiesen, die sich in den Zeiten der Napoleonischen Kontinentalsperre verbreitet hatte. Nachdem die Märkte wieder geöffnet waren, konnte sich die ausländische Konkurrenz mit preiswerterer maschinell gefertigter Ware durchsetzten. Ähnliches fand im Bereich des Handwerks statt, in dem die traditionellen Handwerksprodukte von konkurrenzfähigeren Fabrikwaren verdrängt wurden.
Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wanderten besonders viele Menschen aus den ostelbischen Gebieten Preußens aus. Auch hier wuchs die Bevölkerung, was bis in die 1860er Jahre durch eine Intensivierung der Landwirtschaft aufgefangen werden konnte; später gerieten hier die Getreideproduzenten in Konkurrenz zu nordamerikanischen Farmern, die unter besseren Bodenbedingungen preiswerter produzieren konnten. vgl. Helbich(1988), S.12
In der älteren Literatur wurde die in vielen Gebieten übliche Realteilung als Bedingung betrachtet, die besonders in Südwestdeutschland zu verstärkter Auswanderung geführt habe.
Gegen vorgenannte These als Hauptursache spricht, dass es in Gebieten mit Anerbenrecht Phasen starker Auswanderung gegeben hat bzw. Gegenden mit Realteilung, die geringe Auswandererzahlen hatten. Helbich folgert: "demnach bieten lokale Wirtschaftsbedingungen eine bessere Erklärung für die Auswanderung als monokausal betrachtete Erbformen." Helbich a.a.O
Grabbe sieht - für den von ihm betrachteten frühen Zeitraum - das individuelle Streben nach Freiheit als stärksten Anreiz für die Menschen nach Amerika auszuwandern. "Selbst in diesem Katastrophenjahr (1817 Am.d.Verf.) war es nicht in erster Linie die blanke Not, vor der die Menschen flohen, sondern die Perspektivlosigkeit einer von exorbitanten Steuerforderungen, Spanndiensten und Behördenschikanen niedergedrückten Existenz." Die Sichtweise der Wirtschaftshistoriker, die die Schwankungen der Auswandererzahlen mit dem amerikanischen Konjunkturverlauf in Verbindung bringen, blendet persönliche Motive der Auswanderer aus, denn der Wunsch nach Freiheit bezieht sich dabei höchstens auf die ökonomische Selbstverwirklichung. vgl. Grabbe, S.260f
Zahlenmäßig haben sich politisch motivierte Auswanderer in den USA kaum bemerkbar gemacht. In den 1830er Jahren und vor allem nach der Revolution 1848/49, aber auch in den 1870er Jahren nach Erlass der Sozialistengesetze, sind Menschen aus politischen Gründen ausgewandert - einige gingen aus Furcht vor staatlichen Repressionen in Deutschland - viele wünschten sich in Amerika politische Freiheit, soziale Gleichberechtigung und freie Religionsausübung. "Die bildungsbürgerliche Elite, die in jener Zeit in den USA Zuflucht fand, gewann einen kaum zu überschätzenden Einfluss auf die deutsch-amerikanische Presse und Politik." vgl. Helbich(1988), S.13