Umfang der Auswanderung
Seit 1820 existiert eine amerikanische Einwanderungsstatistik, die zwar hinsichtlich der Genauigkeit ihrer Werte von Wissenschaftlern angezweifelt - in ihrer Gesamttendenz jedoch für aussagekräftig gehalten wird: vgl. Helbich(1988), S.18
Deutsche Einwanderung in die Vereinigten Staaten, 1820-1915

(Abbildung aus: Adams 1994, S.5 - dort werden die Werte bis in das Jahr 1980 angegeben.)
Der Verlauf
In den 1820er Jahren waren die Auswandererzahlen zunächst noch gering: knapp 6000 Menschen hatten Deutschland in Richtung Amerika verlassen. Im folgenden Jahrzehnt gab es den enormen Anstieg auf 125 000 Personen; in den vierziger Jahren stieg die Zahl auf 385 000, in den 1850er Jahren wurde die 1 Million-Marke fast erreicht.
In den folgenden beiden Jahrzehnten wanderten jeweils bis zu 750 000 Deutsche in die USA.
Die 1880er Jahre waren die stärkste Zeit der deutschen Auswanderung in die USA: Von 1881 bis 1885 verließen insgesamt 1 Million Menschen das Gebiet des Deutschen Reichs. In den folgenden Jahren bis 1894 bewegten sich die Zahlen bei 50 000 bis 120 000 Menschen pro Jahr um danach auf Werte unter 50 000 zu sinken.
In den Jahren von 1820 bis 1920 bildeten die Deutschen mit 5,5 Millionen Menschen die zahlenmäßig stärkste Einwanderergruppe. Umgekehrt nahmen die USA unter den Zielländern der deutschen Überseeauswanderung die mit Abstand führende Stellung ein: Rund 90% der deutschen Auswanderer strebten dorthin; die übrigen 10% verteilten sich hauptsächlich auf Kanada, Argentinien, Brasilien und Australien. vgl. Helbich(1988), S.18f

Bade kritisiert das in der Auswanderungsliteratur häufig benutzte Bild des wellenförmigen Verlaufs der Auswandererzahlen, welches in Verbindung mit den zeitgleich wirkenden Auswanderungsursachen zu Fehlinterpretationen führen könne.
Spitzenwerte der Auswanderungszahlen mit bestimmten Ereignissen im Ursprungs- bzw. Aufnahmeland der Migranten - im Sinne der Push-Pull-Theorie - zu verbinden, missachte nach seiner Auffassung den prozeßhaften Charakter von Migration. Denn zwischen der Wahrnehmung der (gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen, religiös-kulturellen oder sozial-interaktiven) Lebensumstände als negativ und unbefriedigend, über die latente Auswanderungsbereitschaft, bis hin zur tatsächlichen Migration lägen nicht selten mehrere Jahre. vgl. Bade(2002), S.144f
Der Verlauf der deutschen Auswanderung im 19. Jahrhundert wird als eine große "Auswanderungswelle" mit verschiedenen Gipfeln und ereignisbedingten scharfen Einbrüchen beschrieben.
Durch Wanderungshindernisse konnte der Verlauf der Gesamtauswanderung ins Stocken geraten, was jedoch nach Beseitigung der Hindernisse durch erhöhte Auswanderungszahlen kompensiert wurde - z.B. Absinken der Zahlen während der Krisenperiode 1873-79 und starker Anstieg zu Beginn der 1880er Jahre. vgl. Marschalck, S.42
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