Amerikaner werden?

Der formale Weg zum amerikanischen Staatsbürger war für die Migranten einfach: Nach 5 Jahren Aufenthalt in den USA konnte ein Einwanderer amerikanischer Staatsbürger werden: 2 Jahre zuvor musste er eine Absichtserklärung eingereicht haben, Verfassungstreue geloben und sich von seiner bisherigen Obrigkeit lossagen.
In einigen Städten konnten die Einwanderer direkt nach der Ankunft die Absichtserklärung abgeben und damit das passive Wahlrecht erwerben. vgl. Helbich (1988b), S.23

Deutsches Umfeld
Nach ihrer Ankunft waren die Migranten zunächst auf das Wohlwollen ihres neuen sozialen Umfeldes angewiesen. Besonderen Stellenwert hatte dabei die Vermittlungsfunktion von Kirchengemeinde und Schule: hier wurden Kontakte geknüpft und Unsicherheiten abgebaut.
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts standen den Einwanderern die ersten Deutschen Einwanderungsgesellschaften zur Seite, die beim Neuanfang behilflich waren. Im Laufe des 19. Jahrhunderts übernahmen kulturelle, soziale und politische Vereinigungen die Orientierungsfunktionen: vgl. Conzen in Adams (1980), S.44
Unterstützungsvereine, Milizen und Schützenvereine, Turnergruppen, Feuerwehren, Spar- und Versicherungsvereine, Chöre, Theatergruppen usw. stellten wichtige Instanzen im Akkulturationsprozess der Migranten dar.
Mit Ansteigen der Einwandererzahlen entstanden immer mehr ethnische Stadtviertel, in denen die Deutschamerikaner in deutschen Geschäften einkaufen und in deutsche Lokale und Clubs ausgehen konnten. "Diese ‚Little Germanies" übten eine Art Pufferfunktion aus. Sie schützten die Einwanderer vor den Schwierigkeiten und Gefahren des Einlebens und trugen doch dazu bei, dass dieses Einleben schneller vonstatten ging." Moltmann in Trommler, S.48

Conzen beschreibt die kulturellen Merkmale, die den ethnischen Gruppen deutscher Einwanderer eine Identität nach außen gaben: "die gemeinsame Schriftsprache, auch wenn sie nicht immer gesprochen wurde; Zuverlässigkeit, kaufmännische Nüchternheit und Sorgfalt im Geschäftsleben; Freude an der Musik, geselligem Beisammensein und Sonntagsspaziergängen; eine hohe Wertschätzung von Heim und Familie." vgl. Conzen in Adams (1980), S.47
Die Mitglieder der ethnischen Gemeinschaften durchlebten gemeinsam den Akkulturationsprozess und solange immer neue Einwanderer zu den ethnischen Gruppen stießen, behielten diese ihren ethnisch definierten Kern.
Die Anpassung an die amerikanische Kultur vollzog sich in den verschiedenen Lebensbereichen in unterschiedlichen Geschwindigkeiten, so dass ein bi-kulturelles Verhalten möglich war.

Von den Einwanderern wurde erwartet, dass sie sich an die amerikanische Lebensweise anpassten, indem sie die Merkmale und Verhaltensweisen ihrer bisherigen Kultur ablegten. In Zeitungen und Büchern wurden starke Stereotypen über Einwanderer kultiviert, durch die die Amerikaner ihr Unbehagen gegenüber den großen Mengen von Einwanderern zum Ausdruck brachten. Den puritanischen Amerikanern missfielen besonders die sonntäglichen Festivitäten der Deutschen, bei denen in geselligem Zusammensein alkoholische Getränke konsumiert wurden. vgl. Blaschke in Bade (1993), S.172

Bereits in den 1830er Jahren entstand in den USA die sog. nativistische Bewegung, die sich in ihrer Abneigung gegen Einwanderer zunächst gegen die katholischen Iren richtete, denen man vorwarf, sie würden die amerikanische Gesellschaft unterwandern.
In den 1850er Jahren bildete sich aus dieser Bewegung die Partei der Know-Nothings , die forderte, den Einwanderern das passive Wahlrecht zu versagen und Einbürgerung und aktives Wahlrecht erst nach 21 Jahren Aufenthalt in den USA zu gewähren. Durchsetzen konnte sich das Gedankengut der Nativisten nicht, obwohl die Partei der Know-Nothings in einigen Bundesstaaten Wahlerfolge verzeichnen konnte.
Während des Bürgerkrieges nahmen überproportional viele Deutsche auf Seiten der Unionsarmee am Krieg teil - viele von ihnen gehörten zu den sog. Forty-Eighters und der ihnen nahe stehenden Turner-Bewegung. Dieses Engagement hat die Integration der deutschen Einwanderer gefördert. vgl. Helbich (1988a), S.23f und Adams (1994), S.30


Wenn man ihnen auch bestimmte kulturelle Merkmale zuordnen konnte, so bildeten die Einwanderer deutscher Herkunft dennoch keine homogene Gruppe, denn ihre Ausgangskulturen waren zu verschieden.
"Die seit 1893 stark sinkende Einwanderung aus Deutschland, die Heterogenität der Gruppe, ökonomische Integration und weitgehende Akkulturation in der zweiten Generation führten zum Verfall der Strukturen, die ethnische Identität gesichert hatten." vgl. Blaschke in Bade (1993), S.176

Wichtiger Bestandteil dieser Strukturen waren Kirchen und Schulen gewesen, denn sie hatten deutsche Kultur und Sprache vermittelt. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren die meisten Schulen Konfessionsschulen, deren Lehrkräfte und Ausstattung von den einzelnen Kirchengemeinden finanziert wurden.
Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der Anpassungsdruck für deutsche Einwanderer immer größer: Deutsch wurde als einzige Unterrichtssprache immer weiter zurückgedrängt, denn für einen erfolgreichen Akkulturationsprozess war es unerlässlich, dass die Kinder deutscher Einwanderer die englische Sprache erlernten. vgl. Adams (1994), S.25ff In den Gebieten, in denen vornehmlich Deutschamerikaner lebten, existierten noch bis zum Ersten Weltkrieg viele Schulen (auch öffentliche), in denen Deutsch als zweite Sprache angeboten wurde.
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